Schule in den USA (aus Kindersicht)

Vor einiger Zeit hatte ich meine Kinder darum gebeten, ein paar Zeilen zum Thema Schule zu schreiben. Wie sie den Schulwechsel empfanden, was ihnen an der neuen Schule (nicht) gefällt, wie die Schule im Vergleich zu Deutschland / Mexiko ist usw. Das Resultat könnt ihr nun hier lesen, doch vorher gibt es noch ein paar allgemeine Erklärungen zum amerikanischen Schulsystem.

Vorneweg: Unsere Kinder gehen hier auf eine der zahlreichen Privatschulen, die sich wahrscheinlich in Zeiten, Inhalt, Angebot usw. von öffentlichen unterscheidet. Von daher kann ich / können meine Kinder natürlich nur von dieser schreiben.

Unser großes Glück ist, dass es in der Schule alle Altersstufen von der Vorschule bis zum Abitur gibt, da dadurch die Kinder morgens und nachmittags zeitgleich gebracht / abgeholt werden können. Das Schulsystem ist unterteilt in primer (Vorschule), lower school (Grundschule, 1.-4.Klasse), middle school (Gymnasium, Unterstufe, 5.-8.Klasse) und upper school (Gymnasium, Oberstufe, 9.-12.Klasse). Vom Prinzip her also mehr oder weniger ähnlich wie in Deutschland, bis auf dass die Kinder bereits in der Vorschule rechnen und lesen lernen, wodurch die hiesige Vorschule eher einen deutschen 1.Klasse entspricht.

Obwohl es viele Gemeinsamkeiten mit deutschen Schulen gibt, so gibt es natürlich auch viele, teils gravierende Unterschiede: Die Schüler tragen bis einschließlich zur middle school eine Schuluniform (die mir hier deutlich besser gefällt als die mexikanische), als Pausensnack bringen die Kinder oft kleine Chips- oder Popcorntüten mit (Klischee lässt grüßen), die Kinder haben täglich von 8 – 15 Uhr Unterricht, sportliche Nachmittagsaktivitäten sind sehr leistungsorientiert, es gibt einen sehr engen Lehrer-Eltern-Kontakt, die Eltern werden täglich mit mehreren E-Mails überschüttet usw. Insbesondere an die E-Mail-Flut kann ich mich nach wie vor schwer gewöhnen und sie leider auch nicht ignorieren, denn zwischen den vielen „Ich hoffe, Sie hatten alle ein tolles Wochenende! Morgen fängt die Schule wieder an“-Mails (Sonntagabend vom Direktor) und „Wir haben heute im Discovery-Unterricht aus Strohhalmen, Fäden und Papier das menschliche Handskelett gebastelt.“-Mails (Lehrerin der Kleinen) gibt es dann leider doch ab und zu wichtige Informationen bezüglich anstehender Feiertage, Schuleinschreibungen usw., die man nicht übersehen sollte. Allerdings muss man den Lehrern aber auch zugute halten, dass sie immer und jederzeit erreichbar sind. Wenn ich ihnen eine Mail schreibe, habe ich normalerweise spätestens nach einer halben Stunde eine Antwort, selbst abends um 22 Uhr oder morgen um 6.30 Uhr. Da konnte ich in Deutschland nur von träumen, wo ich frühestens nach einer Woche eine Antwort bekommen habe. Wenn überhaupt.

Ein ebenfalls riesiger Unterschied sowohl zu Deutschland als auch zu Mexiko ist das Benotungssystem. Nicht nur, dass wirklich jede einzelne Hausaufgabe bewertet wird, sondern auch, dass es eine Schulapp gibt, auf der die Eltern in Echtzeit die Noten ihrer Kinder verfolgen können. Ersteres führt dazu, dass ich inzwischen vor allem beim Mittleren täglich die Hausaufgaben kontrolliere und verbessere, damit sein Notenschnitt nicht darunter leidet. Das finde ich alles andere als gut, da das meiner Meinung nach die Aufgabe der Lehrer ist, aber anscheinend wird das hier (in den USA? in South Carolina? an unserer Schule?) anders gehandhabt als ich das aus Mexiko, Frankreich und Deutschland kenne.

Die Schulapp finde ich aus Elternsicht natürlich total praktisch, weil ich dadurch jederzeit eine perfekte Übersicht über die Leistungen meiner Kinder habe. Nicht, dass sie mir vorher Noten verheimlicht hätten, aber so entfällt auch das lästige Überlegen, welchen Schnitt das Kind gerade hat oder wo es vielleicht mehr Zeit zum Lernen investieren sollte. In dieser App wird alles nach Hausaufgaben, Quiz, Tests, Examen, Projekte usw. inklusive Gewichtung aufgeteilt und am Ende steht der aktuelle Durchschnitt. Da selbstverständlich auch die Kinder Zugriff auf die App haben, entfallen so für beide Seiten Überraschungen hinsichtlich der Schulleistungen. Obwohl das also eigentlich positiv ist, hätte mir die App als Schüler aufgrund der permanenten Transparenz gegenüber meiner Eltern wohl wenig gefallen. Andererseits ist der Lehrer-Eltern-Kontakt hier sowieso so eng, dass das den Kohl auch nicht mehr fett macht. Hat das Kind in einer Arbeit eine schlechte Note bekommen, werden sofort die Eltern angerufen und es wird gemeinsam überlegt, woran das wohl liegen könnte und wie man dem Kind wieder zu einer besseren Note verhelfen kann. Dafür gibt es in unserer Schule z.B. extra Lehrpersonal, die das Kind dann eine Weile unterstützen, oder der Lehrer gibt zusätzliches Lernmaterial oder oder oder.

Ebenfalls anders als in Deutschland, aber dafür ziemlich ähnlich zu Mexiko, sind die Ferien. Hier gibt es deutlich seltener Ferien – zwischen August und Weihnachten gibt es zum Beispiel keine, mal abgesehen von den Feiertagen -, aber dafür haben die Kinder 3 Monate Sommerferien. 3 Monate!! Ich schwanke immer noch zwischen „Seltener Ferien und dafür superlange Sommerferien sind toll“ und „Öfter Ferien und dafür kürzere Sommerferien sind besser“ und kann mich nicht wirklich entscheiden. Während der Sommerferien finde ich wahrscheinlich ersteres besser, während des Restes des Schuljahres letzteres 😅

Doch nun lasse ich wie versprochen meine Kinder zu Wort kommen und wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Die Kleine (7 Jahre, 3.Klasse, lower school)
„Ich finde, dass meine Schule sehr nett und groß ist. Wir feiern viele Feiertage und es gibt sehr viele Süßigkeiten. Alle Lehrerinnen sind nett und wir haben eine große Bibliothek und einen großen Sportraum. In unserer Schule kann man auch in einen Chor gehen. Mein Lieblingsfach ist german, aber Mathe finde ich sehr schwer. Der Rest ist einfach. Wenn ich mal etwas nicht verstehe, helfen die Lehrer mir. Ich habe schon viele neue Freunde bekommen. Ich finde toll, dass uns eine Kirche gehört. Ich habe immer ganz leichte Hausaufgaben auf.“

Der Mittlere (10 Jahre, 5.Klasse, middle school)
„In der neuen Schule gibt es sehr nette Lehrer, aber auch mehr Tests als in Mexiko. Man muss deswegen recht viel lernen. Ich habe Mathe, Biologie, Englisch, Deutsch, Sport, Musik, Art, Esol (Anmerkung von mir: Nachhilfeunterricht für ausländische Kinder, der individuell und parallel zum Englischunterricht stattfindet) und Social Studies. Deutsch findet aber während Social Studies statt, deswegen kann ich da nie hingehen. In Musik muss man in der 5.Klasse ein Instrument wählen. Entweder von Orchestra oder Band. Ich habe mich für Geige, also Orchestra entschieden. Wir brauchen 30 min, um zur Schule zu fahren. Die Zeit nutzen wir oft zum Lernen, Unterhalten oder Geschichte hören. Ich lerne hier sehr viel Englisch und in der 6.Klasse muss ich eine Fremdsprache auswählen. Noch kann ich mich nicht zwischen Spanisch (das kann ich ja schon), Französisch, Latein und Chinesisch entscheiden. Außerdem tragen wir hier wie in Mexiko Schuluniform. Das finde ich eigentlich gut, auch wenn es mich manchmal nervt, weil ich manchmal lieber meine Lieblingsshirts anziehen würde.“

Der Große (13 Jahre, 10.Klasse, upper school)
„Da wir jetzt schon seit einiger Zeit in den USA wohnen, habe ich inzwischen verschiedene Dinge erlebt, die hier normal sind, welche ich allerdings in Deutschland nie/sehr selten gesehen habe. Von denen werde ich im Folgenden erzählen.

Während es in Deutschland üblich ist, nicht sehr weit entfernt von der Schule zu wohnen, wird es hier in den USA als normal angesehen, wenn man 30 Minuten oder länger mit dem Auto zur Schule fährt. Auch wir fahren deutlich länger zur Schule als in Deutschland oder Mexiko.

Wie auch in Deutschland gibt es hier gewisse Kleidungsregeln. Während meine Geschwister eine Schuluniform tragen müssen, darf man ab der Upper School selbst aussuchen, was man trägt. Allerdings gibt es trotzdem ein paar Regeln bezüglich des Kleidungsstils. Diese Regeln betreffen zwar zum größten Teil den „chapel dress“ (Kleidung, wenn wir in die schuleigene Kapelle gehen), aber es gibt auch ein paar Regeln, welche auf jeden Tag zu treffen. Man darf z.B. kein T-Shirt tragen, wo ein Bild / Spruch drauf ist (kleine Logos der Herstellungsfirma sind aber ok) oder was bauchfrei ist.

Hier in der Schule gibt es eine eigene Kapelle (= chapel), in welcher jeden Donnerstag Gottesdienst abgehalten wird. An dem Tag müssen wir dann auch den chapel dress tragen. Dieser besteht für die Jungen aus einer Khakihose, einem Hemd, einem Gürtel und einer Fliege/Krawatte. Die Mädchen müssen sich ein Kleid/Rock mit dazu passendem Oberteil anziehen.

Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer ist hier ganz anders als in Deutschland und Mexiko (wobei Mexiko schon eher wie hier ist), da die Lehrer versuchen eine freundschaftliche Bindung zu den Schülern aufzubauen. Außerdem sind die Lehrer hier viel mehr dazu bereit, alles vier- oder fünfmal zu erklären. Melden wird hier normalerweise als überflüssig angesehen, wobei dass auf den Lehrer ankommt.

Unsere Schule hat ein System, in welchem es in den meisten Fächern drei Kategorien gibt: Normal, „Advanced“ und „Honors“. Der Unterschied ist, dass in „Advanced“ und „Honors“ der Stoff schneller durchgenommen wird, wobei „Honors“ den Lehrstoff nochmal schneller durchnimmt als „Advanced“. Allerdings gibt es diese Unterteilung nur in einigen Fächern. In allen Kunst-Fächern gibt es nur das Normale und in den Naturwissenschaften gibt es nur „Honors“ und „Normal“. Die Ausnahme bei den Naturwissenschaften ist Mathe, in Mathe gibt es alle drei Kategorien.

Ab der 11. Klasse kann man sich dazu entscheiden IB (International Baccalaureate), AP (Advanced Placement) oder den normalen Highschool Abschluss zu machen. Wenn man das IB, was auch in Deutschland als Abitur anerkannt wird, machen möchte, muss man sich 6 Fächer aussuchen. Dies müssen immer zwei Sprachen, Mathe, eine Naturwissenschaft (außer Mathe) und Geschichte, Wirtschaft oder Psychologie sein. Das sechste Fach kann frei gewählt werden. Zur Auswahl gibt es dann Musik, Kunst, Theater, eine weitere Sprache, eine Naturwissenschaft, Geschichte, Wirtschaft oder Psychologie. Diese 6 Fächer werden jeweils in der 11. und 12. Klasse belegt. Alle Fächer entsprechen vom Schwierigkeitsgrad her dem Level „Honors“, wodurch das deutsche Lehrniveau erreicht wird. Bei den anderen beiden Abschlüssen hat man mehr freie Wahl zwischen den Fächern, wobei der Schwierigkeitsgrad variiert. Im Allgemeinen hat der normale Highschool-Abschluss aber ein geringeres Niveau als das deutsche Abitur.“

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