7 Wochen ist das neue Schuljahr schon wieder alt und trubelige Tage liegen hinter uns. Während ich das schreibe, überlege ich, wann wir eigentlich das letzte Mal ruhige Tage hatten und ob ich gerne mal welche hätte?! Hm, gute Frage… Doch jetzt erstmal zu den letzten Wochen:
Schuljahresanfang
Wie in wohl jedem Land und bei (fast) jeder Familie mit schulpflichtigen Kindern ist der Anfang des Schuljahres geprägt von den letzten Besorgungen, Einschreibungen in Kurse und „lustigen“ Terminen wie Elternversammlungen. Letztere läuft hier ganz anders ab als alle, die ich bisher in Mexiko, Frankreich oder Deutschland kennengelernt habe, denn bei uns hat sie einen „speed dating“ Charakter.
Bei uns finden Elternversammlungen grundsätzlich parallel für mehrere Klassenstufen statt und zwar von der 1. -4.Klasse (= lower school), 5.-8. Klasse (= middle school) und 9.-12.Klasse (= upper school). Da ich das bereits aus den Vorjahren wusste, bat ich meinen Mann seine Dienstreisen so zu legen, dass er während des Elternabends in Greenville blieb. Das tat er auch – mit dem Ergebnis, dass er genau an dem Abend einen unaufschiebbaren Geschäftstermin hatte, sodass ich doch wieder alleine zur Schule musste…
Kaum in der Schule angekommen, bekam ich für beide Kinder je einen Stundenplan für den Abend in die Hand gedrückt, denn anders als in Deutschland veranstaltet nicht nur (größtenteils) der Klassenlehrer den Elternabend, sondern alle Lehrer gleichzeitig. Diese haben jeweils exakt 10 min Zeit den Eltern den Inhalt ihres Faches, Benotungsverfahren und eventuell anstehende Ausflüge vorzustellen. Eigentlich ein ganz gutes Konzept – wobei 10 Minuten fast schon zu kurz sind -, wenn man als Elternteil nicht von Raum zu Raum hetzen müsste. Denn die Lehrer bleiben in ihren Räumen und für die herumirrenden Eltern ist wenig bis keine Wegezeit eingerechnet. Somit wird die Elternversammlung bereits zur kleinen sportlichen Herausforderung, wenn man nur für ein Kind dort ist. Bei zwei Kindern brummt einem danach einfach nur noch der Kopf und man ist froh, wenn der Abend rum ist.

Meine erste Amtshandlung nach Ankunft war, die Stundenpläne zu checken und zu entscheiden, welche Fächer bei wem am wichtigsten sind, denn – wir erinnern uns – die Elternversammlungen finden ja parallel statt und ich musste meine Zeit irgendwie aufteilen. Eine schwierige Entscheidung, die mit Schuldgefühlen behaftet war, denn gefühlt wurde ich keinem Kind gerecht. Aufgrund der Parallelität der Elternabende verstehe ich aus Sicht der Lehrer die Sinnhaftigkeit des „speed dating“-Konzepts, aber meiner Meinung nach müsste man für betroffene Eltern mit mehreren Kindern eine Alternative finden, wie z.B. das Aufnehmen eines jeden Lehrers oder zumindest das spätere Bereitstellen der Präsentationen, denn wie jedes Jahr habe ich definitiv einige Informationen verpasst. Doch davon will unsere Schule leider nichts wissen. Zum Glück ist für uns das Drama ab nächstem Jahr erstmal vorbei, wenn der Mittlere auf die upper school wechselt!
Ein Taxi, bitte!
Würde mich jemand bitten eine Biographie über die letzten Jahre meines Lebens zu schreiben, würde sie wohl Mein Leben als Taxifahrer oder so ähnlich als Titel tragen. Schon mit dem Umzug nach Mexiko war klar, dass ich die Kinder viel öfter von A nach B bringen muss, weil sie sich nicht alleine bewegen dürfen. Dass es dazu noch eine Steigerungsform gibt, hätte ich mir damals nicht vorzustellen vermögen.
In den USA wäre es prinzipiell kein Problem, die Kinder auch mal alleine loszuschicken, allerdings sind hier bei kaum existenten öffentlichen Verkehrsanbindungen die Distanzen zu Hobbys und Freunden so groß, dass sie nirgends alleine hinkönnen. Wenn dazu der Mann regelmäßig auf Dienstreisen entfleucht, kommt da Freude auf! Deswegen war ich die letzten Monate so froh, dass der Große mich beim Fahren unterstützen konnte bzw. alle Fahrten zur Schule und nach Hause für mich entfielen. Doch das ist nun passé, weswegen mein tägliches Fahrpensum aktuell ungefähr so aussieht:
morgens
30 min Fahrt zur Schule
30 min Fahrt zur Arbeit
mittags
20 min Fahrt nach Hause
früher Nachmittag bis Abend
30 min Fahrt zur Schule
20 min Carline (= gelangweilt in der Autoschlange vor der Schule stehen und warten)
15 min Fahrt zum Schwimmen (Hinbringen des Mittleren)
30 min Fahrt zum Ballett (Hinbringen der Kleinen)
30 min Fahrt zum Schwimmen (Abholen des Mittleren)
30 min Leerlauf / Warten auf den Mittleren
30 min Fahrt zum Ballett (Abholen der Kleinen)
30 min Warten auf die Kleine (Hausi / Kartenspiel mit Mittlerem)
30 min Fahrt nach Hause
In Summe fahre ich somit an guten Tagen 4 h durch die Gegend (manchmal kommen noch Extratouren für Freundesbesuche, Kindergeburtstage oder ganz einfach ein Einkauf dazu), im Schnitt 170 km, und verbringe dabei an Schlechtwettertagen ca. 5,5 h im Auto. Wenn das Wetter es zulässt, versuche ich in meiner Leerlaufzeit wenigstens ein bisschen zu joggen oder mit den Hunden Gassi zu gehen.
Im Übrigen will ich mich gar nicht beschweren, denn ich habe mich damit arrangiert und versuche einfach so viel es geht von unterwegs zu erledigen. Telefonate mit Familie und Freunden werden grundsätzlich nur aus dem Auto heraus geführt, (Hör-)Bücher und selten auch Netflix-Filme versüßen mir die Wartezeiten und auch der ein oder andere Wäschekorb oder Kochtopf hat es schon mit ins Auto geschafft. So ist die Zeit wenigstens sinnvoll genutzt und wir haben zuhause mehr freie Zeit für schönere Dinge als den Haushalt.

Egal ob zwischen den Sitzen oder im Kofferraum – gespielt werden kann überall.
Ich entdecke mein sportliches Ich
Na gut, nicht wirklich, aber zumindest ein bisschen. Mitten während der Sommerferien gab meine bisherige smart watch ihren Geist auf, was mich insbesondere aufgrund der leisen Weckfunktion maßlos ärgerte, denn von nun an schepperte morgens wieder mein Handywecker los. Eine neue Uhr musste her, doch welche?! Der Große hatte zum Abitur eine Uhr von garmin bekommen, mit der er seitdem sehr zufrieden war. Deswegen liebäugelte ich auch mit einer, nicht zuletzt weil wir dann gemeinsam Wettkämpfe machen konnten, war aber eigentlich mit meiner bisherigen fitbit auch ganz zufrieden.
Lange Rede, kurzer Sinn: Nach langer Recherche kaufte ich mir nun doch eine Uhr von garmin und probierte unter anderem das dort angebotene Laufprogramm aus. Spoiler: Ich hasse Laufen! Nichts ist für mich langweiliger als stupide durch die Gegend zu rennen. Ohne Ziel, ohne alles, einfach nur zum Sport treiben. Trotzdem wollte ich das ausprobieren, auch, um meine Ausdauer zu verbessern. Aktuell bin ich in Woche 9, tatsächlich noch dabei und trainiere für einen 5 km Lauf. Jede Woche quäle ich mich drei- bis viermal auf die Straße, als Motivation meine Luna dabei, und warte noch auf den einsetzenden Spaß. Denn irgendwo las ich mal, dass man nach einer Weile anfängt sich auf das nächste Training zu freuen und nicht mehr ohne kann. Mal gucken, wie lang dieses „eine Weile“ bei mir noch dauert.

Der Große
Wie vor einem Monat berichtet, ist unser Großer ausgezogen. Nach Heidelberg, um genau zu sein. Nachdem die Wohnungssuche zunächst katastrophal verlief, endete sie doch noch gut und mein Mann konnte vor 2,5 Wochen guten Gewissens zu uns zurückfliegen. Dementsprechend ist der Große nun schon einige Tage allein und findet sich in sein neues Leben ein.
Und wie geht’s uns damit? Die täglichen Tränen sind mittlerweile versiegt und tägliche (Video-)Telefonate lindern das Vermissen. Die Kleinen sind glücklicherweise dank Schule und Hobbys gut beschäftigt, sodass sie nicht allzu viel Zeit zum Nachdenken haben. Aber sie sind froh, dass sie eigene Handys haben und somit unabhängig von uns Kontakt zu ihm halten können, was sie auch fleißig nutzen.
Hurrikan Helene
Bereits Tage bevor der Hurrikan eintreffen sollte, war es merklich windiger als sonst. Sorgen machten wir uns nicht, denn erstens war der Wind nicht besonders stark und zweitens sollten wir auch vom eigentlichen Hurrikan nicht wirklich etwas mitbekommen. Umso größer war meine Überraschung als es plötzlich einen Tag vor Eintreffen des Hurrikans hieß, dass wir uns doch auf etwas stärkere Winde einstellen sollten und auch von Seiten der Schule usw. alle donnerstäglichen Nachmittagsaktivitäten abgesagt wurden. Für Freitag wurden ebenfalls alle Schulen geschlossen (na ratet mal wer freudestrahlend zuhause saß 😃).
In den frühen freitäglichen Morgenstunden sollte der Hurrikan in deutlich abgeschwächter Form an South Carolina Richtung Tennessee vorüberziehen, so die Vorhersage. Doch Helene hatte andere Pläne, zumindest was Richtung und Stärke betraf.
Ab 4 Uhr morgens war bei uns an Schlaf nicht mehr zu denken, denn der Wind pfiff so laut ums Haus, dass mir ganz anders wurde. Leider (oder zum Glück?) war es draußen noch so dunkel, dass man nichts sehen konnte und als gegen 6.15 Uhr der Strom ausfiel, wurde es noch dunkler. Und unheimlicher. Das Einzige, was zu hören war, war der tobende Wind und die tosenden Wassermassen, die der Boden schon lange nicht mehr aufnehmen konnte. Das Einzige, was zu sehen war, waren kleine Lichtpunkte in den Nachbarhäusern, die offenbar genauso wie wir mit ihren Handytaschenlampen Kontrollrunden durchs Haus drehten. Ziemlich gespenstisch.
Die bald einsetzende Dämmerung setzte zumindest der Dunkelheit ein Ende und offenbarte uns die unmittelbaren Folgen des Hurrikans: ein halb unter Wasser stehender Garten und ein Baum des Nachbarn, der sich nun in voller Länge auf unserem Grundstück befand (siehe Titelbild). Alles halb so schlimm und schnell repariert. Wie schlimm es Greenville und auch einige unserer Freunde & Nachbarn getroffen hat, erfuhren wir erst nach und nach als Kommunikation wieder möglich war, denn schon nach kurzer Zeit hatten wir überhaupt keinen Empfang mehr. Internet war eh schon lange tot.

Entgegen unserer Annahme eines kurzen Stromausfalls hatten wir ganze 1,5 Tage keinen Strom – und konnten uns damit noch glücklich schätzen! Viele Leute saßen bis zu 5 Tage ohne Strom da. Kein Internet, kein Warmwasser und das Schlimmste: kein Kühlschrank. Denn auch das erwies sich schnell als Problem: Da keiner mit solch einem Ausmaß des Hurrikans in unserer Region gerechnet hatte, hatte keiner vorgesorgt. Das Essen in den Gefriertruhen mussten die meisten Leute ebenso wegwerfen wie das aus dem Kühlschrank, doch die Supermärkte – nachdem sie wieder geöffnet waren – waren ratzepuse leer, denn erst wurden auch dort die gekühlten Lebensmittel schlecht und dann wurde nichts nachgeliefert. Die Regale erinnerten ein bisschen an Coronazeiten und die Szenen, die mein Mann im Supermarkt mitbekam, könnten fast lustig sein, wenn sie nicht so traurig wären: Amis mit Einkaufswagen voller Chipstüten; lange Autoschlangen vor Läden und Tankstellen; Bewaffnete Sheriffs, die die Läden bewachen; Amis vor Mikrowellenessen sich fragend, ob man das nicht auch kalt essen könne. Tatsächlich waren so Einige aufgeschmissen ohne geöffnete Fast-Food-Ketten oder funktionierende Mikrowelle.

Auch da hatten wir Glück, denn dank Gasgrill konnten wir noch vieles aus unserem Kühlschrank retten und hatten somit auch warme Mahlzeiten. Sogar unser Warmwasser ging noch, sodass wir nicht einmal kalt duschen mussten! Dementsprechend hat uns der anderthalbtägige Stromausfall nicht wirklich getroffen, zumal wir aus Mexiko schlimmeres gewohnt sind (zwei bis drei Tage ohne Wasser sind tausendmal unangenehmer!).

Die Kinder konnten jetzt sogar noch etwas Gutes aus dem Hurrikan ziehen, denn aufgrund einiger Überschwemmungen, langanhaltender Stromausfälle und Personalmangel hatte die Schule die gesamte Woche über geschlossen – ersatzlos. Ferien ohne Aufgaben hatten die Kinder in den USA noch nie, von daher haben sie die letzten Tage in vollen Zügen genossen.

Was mir positiv auffiel, war, wie dann doch alle Leute zusammenhalten. Wer Strom hatte, bot an, dass Jeder zum Aufladen elektronischer Geräte vorbeikommen könne. Eiswürfel wurden zu stromlosen Nachbarn gebracht in der Hoffnung, doch noch etwas Essen retten zu können. Freunde wurden zum Duschen eingeladen. Firmen luden ihre Mitarbeiter samt Familien zum Aufladen, Duschen und einer warmen Mahlzeit ein. Freiwillige zogen mit ihren Kettensägen durch die Gegend und halfen Straßen von umgestürzten Bäumen zu befreien. Und und und.
Für uns eine „interessante“ Erfahrung, die wir so nicht noch mal brauchen, auch wenn wir ohne große Schäden davongekommen sind. Das kann man von Asheville oder Chimney Rock leider nicht sagen, beides nur 1-1,5 h von uns entfernt 😔.
Ein Kommentar zu “Alltagsallerlei #5 – Ein Hurrikan zieht durchs Land”